Wir brauchen kreative Arbeits- und Schulsysteme

 

Es wird immer schwieriger, einem Zeit- und Terminkonzept zu folgen. Das gilt vor allem für die Arbeits- und Schullandschaft. Das war nicht immer so, aber seit sich die Energien auf der Erde beschleunigt haben – und das ist in den letzten Jahren und ganz besonders in den letzten paar Monaten geschehen – wird es immer schwieriger, Fristen, Termine und Leistungsanforderungen zu erfüllen, ohne in Stress und unter Druck zu geraten. Versucht man es, reagiert der Körper schnell mit enormer Erschöpfung und verlangt nach einem Ausgleich. Oder der Geist rebelliert und geht in Resonanz mit anderen Inhalten als denen, denen man sich zuwenden muss. Das ist umso schwieriger zu bewerkstelligen, wenn man in Projekte, Termine und Pflichten eingebunden ist, die es zu erfüllen gilt, weil das System, der Chef, der Plan sowie die Verbindung zu anderen Projekten es so vorgeben.

Vielen Menschen geht es jetzt so, aber die meisten wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wenn sie lustlos und mit innerer Leere vor ihrer Arbeit sitzen und genau wissen, dass diese aber bis dann und dann gemacht werden muss. Wer selbstständig ist, hat es etwas leichter, da er sich seine Zeit und wann er welche Arbeit macht, noch halbwegs selbst einteilen kann. Doch all jene, die in festen Arbeitsstrukturen festsitzen, welche keinen Spielraum für Veränderungen im Ablauf bieten, haben es zusehends schwerer.

Das gilt auch für die Schulen. Schüler, die in der Regelschule sitzen und nach Stundenplan unterrichtet werden, sitzen oft nur noch lustlos und unkonzentriert da, wenn der Unterricht linear und auf herkömmliche Weise abgehalten wird. Die Waldorfschulen machen es da den Schülern leichter, bieten sie doch genug Raum für Kreativität und Freiheit, sich auszudrücken. Auch das Konzept der „Freien Schule“ bietet Kindern und Jugendlichen viele Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, wann was gelernt wird.

In letzterer Schule wird es den Schülern sogar gänzlich freigestellt, was sie tun. „Ihr könnt auch, wenn ihr wollt, zehn Jahre im Baum hocken“, sagte ein Lehrer zu den Schülern der Freien Schule in Leipzig, als er erklärte, was von den Schülern erwartet wird. Man müsste meinen, dass jedes zweite Kind sich daraufhin entscheidet, nichts zu tun, doch das ist nicht der Fall. Trotzdem es lange Zeit nicht mal eine Anwesenheitspflicht gab, sind die Schüler immer erschienen und stimmten schließlich sogar ab, dass sie eine Anwesenheitspflicht einführen möchten. Die Schüler nehmen interessiert und neugierig an Projekten teil, ohne in einen speziell vorgesehenen Unterricht gehen zu müssen. Statt 45 Minuten stillsitzen und zuhören zu müssen, haben sich hier kürzere Intervalle ergeben, in denen die Kinder und Jugendlichen sich einem selbst ausgesuchten Thema widmen, welches sie dann mit Neugier und Leidenschaft angehen. Manche Projekte dauern 10 Minuten, andere ein ganzes Jahr. Zwischendurch wird gebastelt, Schach mit dem Lehrer gespielt, musiziert oder ein Buch weitergelesen. Passiv ist hier aber keiner, und auch Chaos oder gar Anarchie herrscht hier nicht. Die Schule organisiert sich selbst, und die Schüler sind ein Teil davon. Nur Schülern, die von der herkömmlichen Schule auf die Freie Schule wechseln, fällt es zunächst schwer, sich an die Freiheit zu gewöhnen. Danach gefragt, empfinden sie die Regelschule im Nachhinein oft als „Zwangsanstalt“ oder „Gefangenschaft“.

Ähnlich geht es uns Erwachsenen in der Arbeitswelt. Wir merken oft nicht mehr, in was für einer Zwangsgesellschaft wir leben. Wir sind gezwungen, Geld zu verdienen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Dazu müssen wir zu einer bestimmten Uhrzeit am Arbeitsplatz sein und dort (in der Regel) acht Stunden verbringen und Arbeiten verrichten, die wir oft eigentlich gar nicht machen möchten. Das war zwar schon immer so, aber auch dieses Konzept funktioniert immer weniger. Wir sehen es an den hohen Arbeitslosenzahlen, an der schlechten Wirtschaftslage und an den Endlos-Debatten um Mindestlohn und bessere Arbeits- und Sozialbedingungen. Bis ins Kleinste sind die Dinge festgelegt und reglementiert. Dem Arbeitnehmer bleibt kein Raum mehr für Ideen, Kreativität und eigene Zeit. Wer arbeitslos ist, hat zwar Zeit, wird aber vom Amt gegängelt und leidet unter finanziellem Mangel, hat also auch wieder keine Freiheit, sich über den Horizont des Systems hinauszuentwickeln.

Einen Ausweg bietet das Bedingungslose Grundeinkommen, über das von immer mehr Parteien debattiert wird. Die Petition zur Einführung des Grundeinkommens, eingereicht von Susanne Wiest (siehe dazu auch den Bericht im  Heft Nr. 75), ist inzwischen beim Petitionsausschuss gelandet. Man muss sich damit befassen! Und sogar die CDU denkt inzwischen über ein Bürgergeld nach. So wie die Alternativschulen ein Konzept bieten, das den Schülern erlaubt, sich zu entfalten, so erlaubt das bedingungslose Grundeinkommen der Arbeitswelt eine neue Grundlage, dessen Nährboden nicht von Leistungsdruck durchsetzt ist, sondern auf dem ein gesundes kreatives Wachstum wieder möglich wäre. So wie die Schüler, die von der Regelschule auf die Freie Schule wechselten, sich zuerst an die neue Freiheit gewöhnen müssen und erst dann erkennen, in was für eine Zwangsanstalt sie sich befunden hatten, werden auch die Menschen unserer Gesellschaft sich zuerst an die eigentlich natürliche Freiheit gewöhnen müssen. Danach wird sich aber keine Passivität einstellen, wie von vielen befürchtet wird, sondern – wie bei den Schülern der Freien Schule – Neugier und Interesse am Leben, an Dingen, die man machen, lernen und umsetzen könnte. Wir sollten uns tatsächlich überlegen, ob die alten Konzepte noch Sinn machen und ob es nicht klüger wäre, allen Menschen die Freiheit zu gönnen, nach der sie sich so sehr sehnen. Die Politiker wären sicherlich überrascht, wieviel kreatives Potential in den Menschen erwachen würde, ließe man ihnen den Raum für neue Möglichkeiten. Die Freie Schule und die Waldorfschule machen es uns vor.

 

(© Susanne Sejana Kreth, erschienen in LICHTSPRACHE Nr. 75, Dez. 2010/Jan. 2011)

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